Maritimes Littering (Sonderthema)

Phänomen

Neben dem Littering auf dem Land (sog. terrestrisches Littering, meist jedoch nur als Littering bezeichnet. Siehe hierzu im Glossar unter Littering) ist international auch das Littering im Meer von besonderer Bedeutung.

Eine Studie des United Nations Environment Programme (UNEP) schätzte 2005[1] die jährliche Vermüllung der Meere auf rund 6,4 Millionen Tonnen, bzw. 8 Millionen Müllteile pro Tag und geschätzten 13’000 Müllteilen pro km2 an der Meeresoberfläche.

Kunststoffe und Littering

Ähnlich wie beim terrestrischen Littering spielen auch beim maritimen Littering Kunststoffe eine wichtige Rolle.

Bei einer Reinigungsaktion von fast einer halben Million Freiwilligen wurden im Jahr 2009 an 6’000 Orten[2] 3’357 Tonnen Abfall gesammelt und ausgewertet. Die Top 10 Güter sind in nachfolgender Abbildung aufgelistet.

Die Studie unterstreicht die Bedeutung des Plastiksacks im maritinen Littering, ist aber nicht für das Phänomen als Ganzes repräsentativ, zumal die Reinigung lediglich an der Küste und an Wasserwegen stattfand. Man geht davon aus, dass nur etwa 15% der Abfälle hier verbleiben. Weitere 15% in der Wassersäule und 70% am Meeresboden[3]. Im Rahmen des GIONHA Projekts[4] haben Fischer an der Ligurischen Küste Müllteile aus tiefen zwischen 50-1000m identifiziert und klassifiziert.  Dabei war Kunststoff mit 61% der am häufigsten gefundene Mülltyp überhaupt.

Im selben Projekt wurde versucht, die einzelnen Müllteile nach Quellen zu ordnen. Dabei wurden grosse regionale Unterschiede festgestellt. Während im ligurischen Meer beispielsweise die Vermüllung hauptsächlich auf Flüsse und menschliche Aktivitäten Entlang der Küstenlinie zurückzuführen war, scheint im Thyrrenian Meer vor allem die Schifffahrt für einen wesentlichen Teil des Litterings verantwortlich zu sein. Allgemein: Landseitige Quellen wie der Tourismus am Strand, aber auch Mülldeponien oder Flüsse, welche Müll aus dem inneren der Lände ins Meer transportieren, werden für 70-80% der Verschmutzung verantwortlich gemacht. Meerseitige Quellen wie die Berufs- und Freizeitschiffahrt für die restlichen 20-30%. Allerdings liegt es in der Natur der Sache, dass genaue Zahlen nur sehr schwierig zu evaluieren sind, insbesondere wenn ein gegebenes Produkt nicht eindeutig einer Quelle zugeordnet werden kann.

Neben der Bedeutung des Kunststoffs im Littering und den verschiedenen Quellen hat die Studie eine weitere wichtige Annahme unterstrichen. Plastiksäcke sind sehr leicht und bewegen sich im Wasser, wohingegen schwerere Teile aus etwa Glas oder Metall eher am Ort der Verschmutzung auf den Boden fallen und stationär verharren.

Man findet deshalb diese Art des Litters nicht nur in küstennahen Regionen. Vielmehr treiben die Plastikabfälle als grosse Müllstrudel umher und gefährden nachweislich hunderte verschiedene Tierarten, die dem Müll zum Opfer fallen. Über Computersimulationen versucht die Orte zu eruieren, wo solche Müllstrudel entstehen. Allgemein spricht man von 5 sog. Gyres.

Probleme und Kosten

Wie schon an Land zersetzten sich viele Kunststoffe auch im Wasser nur sehr langsam. Für Kunststoffteile, welche sich nicht an der Oberfläche befinden, kommen die kalten Wassertemperaturen, die fehlende UV Strahlung und weitere Faktoren erschwerend hinzu. Liegengelassene oder verlorene Fischernetzte (sog. Ghost Nets) benötigen beispielsweise rund 650 Jahre für ihren Abbau. Entsprechend kommt es zu einer Akkumulation der Vermüllung.

Das genaue Ausmass des Effekts auf die Umwelt und insbesondere die auf die Biodiversität ist statistisch schwierig zu erfassen, zumal viele weitere Einflussfaktoren mit berücksichtigt werden müssen. Unbestritten scheint aber, dass Littering einerseits eine Bedrohung für eine intakte maritime Umwelt darstellt und andererseits mit hohen direkten und indirekten Kosten verbunden ist.

Der erste Punkt wird immer wieder über eindrückliche Bilder, beispielsweise von Seevögeln oder Robben, welche ganze Plastikteile über die Nahrung aufgenommen haben, medial vergegenwärtigt. Ein ganz wesentlicher Punkt der aktuellen Diskussion, das sogenannte Mikroplastik[5], lässt sich allerdings durch solche Bilder nur sehr schlecht kommunizieren. Die Akkumulation von sogenanntem Mikroplastik stellt eine besondere Herausforderung dar. Hierbei bestehen im Wesentlichen zwei Bedenken.

  1. Zerfallen Kunststoffteile in kleine Fragmente, eben in Mikroplastik, so werden gewisse Monomere oder bis zum Verfall gebundene Additive freigelegt. Beispiele solcher Stoffe sind beispielsweise Bisphenole oder Phtalate.
  2. Ferner geht man davon aus, dass gewisse chemische Prozesse bei Mikroplastik einfacher ablaufen. Insbesondere im Zusammenhang mit sogenannten PBT[6] Stoffen vermutet man eine mögliche Akkumulation dieser Substanzen in den Mikropartikeln. In Wasser und Sedimenten bereits vorhandene Schadstoffe haften sich an den kleinen Teilen an und gelangen über die Nahrungskette, beispielsweise weil gewisse Tiere die Mikropartikel mit Plankton verwechseln, in die Fauna und letztlich auch zum Menschen. Dort verursachen sie potentiell beispielsweise genetische Mutationen oder Krebs.

Der zweite Punkt, die direkten und indirekten Kosten des Litterings sind nicht weniger schwierig zu quantifizieren. Der UNEP Report 2011 fasst einige Zahlen zusammen[7]. Beispielweise geht man davon aus, dass Litter die Schottische Fischerindustrie jährlich über 15 Millionen USD kostet, weil etwa mehr Zeit benötigt wird, um Propeller oder Netze von Müll zu befreien. Dies entspricht 5% des durch die Fischerei erzielten direkten Umsatzes. Bekannt ist auch, dass in den Niederlanden und Belgien jährlich über 13 Millionen Doller ausgegeben werden, nur um die Strände vom Litter zu befreien.

Bioabbaubarkeit in maritimer Umgebung

Wenn man in Europa von Biokunststoffen spricht, und mit dem Wortanfang „Bio“ auf die biologische Abbaubarkeit des Werkstoffs referenziert, so meint man damit in der Regel die Kompostierbarkeit nach der Norm DIN EN 13432:2002. Die besagte Norm definiert allerdings nur die wissenschaftlichen Methoden zum Nachweis der biologischen Abbaubarkeit in der Kompostierung. Es fehlt ein entsprechender Teil zur Abbaubarkeit im Meer.

Hinsichtlich der Problematik des Litterings im Meer ist es deshalb von Bedeutung, ob sich nach DIN EN13432 kompostierbare Biokunststoffe auch im Meer innert nützlicher Zeit abbauen. Studien an Plastiksäcken legen nahe, dass dies in der Tat der Fall zu sein scheint. Säcke welche nach DIN EN 13432:2002 als kompostierbar zertifiziert wurden, bauen sich scheinbar auch im Meer innert relativ kurzer Zeit ab.

Die Engländer O’Brien und Thompson[8] untersuchten den Abbau von kompostierbaren Säcken im Vergleich zu solchen aus Polyethylen. Erstere bauten sich im Sinne eines physischen Primärabbaus vollständig ab und waren bereits nach 16-24 Wochen nicht mehr sichtbar. Klassische Taschen aus Polyethylen, und auch zwei Sorten oxo-bioabbaubarer Polyethylen Taschen, behielten auch nach 40 Wochen noch mehr als 98% ihres ursprünglichen Gewichts. Eine andere Studie aus Italien[9] untersuchte den vollständigen biologischen Abbau und simulierte dabei im Labor verschiedene maritime Umgebungen/ Bedingungen. Sie unterstreicht die im Vergleich zu anderen Materialien relativ rasche Abbaubarkeit  zertifizierter Biokunststoffe weiter, legt aber auch Nahe, dass das Tempo des Abbaus wesentlich von spezifische Umgebungsbedingungen beeinflusst wird. Sie schlagen für die Entwicklung einer Norm oder die generelle Untersuchung der Abbaubarkeit die Differenzierung von 6 verschiedenen maritimen Umgebungen vor. So sind beispielsweise die Bedingungen an der Küste ganz andere als jene im freien Wasser (Gezeiten, Strömungen, Bakterien und Pilze, UV Licht, etc.).


Fussnoten:

[1]     siehe UNEP (2005)

[2]     siehe Ocean Conservancy (2010)

[3]     siehe

[4]     siehe www.gionha.it

[5]     im Zusammenhang mit Littering adressiert man mit dem Begriff Mikroplastik Plastikfragmente, welche kleiner als 5mm im Durchmesser sind.

[6]     persistent, bioakkumulativ und toxisch. Siehe hierzu Kapitel SVHC & PBT Substanzen Seite 30.

[7]     siehe UNEP Report: Kershaw et al (2011)

[8]     siehe O’Brien et al (2010)

[9]     siehe Tosin et al (2012)

Literatur: